spielraumleben

Seelenmärchen Loslassen

Es war einmal zu einer Zeit, in der weise Menschen auf Erden wandelten. Sie trugen weiße Gewänder und verbrachten den Großteil des Tages in stiller Kontemplation im Freien. Dreimal am Tag, morgens, mittags und abends, kamen sie zusammen, um zu besprechen, was ihnen der Tag gebracht hatte. Diese weisen Menschen in ihren weißen Gewändern brauchten nur wenig Nahrung. Sie ernährten sich von Beeren, Kräutern, Gräsern und Rinden. Wasser gab es reichlich in den Bächen und Flüssen, die durch Berge und Täler flossen. Meist schliefen die weisen Menschen unter freiem Himmeln. Sie hatten sich einfache Häuser aus Holz und Stroh errichtet, die nach Belieben mit stabilen, abnehmbaren Dächern verschlossen oder dem Himmel zugewandt, offengelassen werden konnten. In ihnen wurde nur an besonders kalten Nächten geschlafen, sonst dienten die Häuschen als Lagerstätte für Vorräte, als Versteck für spielende Kinder oder für den Rückzug einzelner. Die weisen Menschen streiften durch Wälder, Täler und Berge, saßen zwischen Bäumen und Pflanzen und atmeten mit den Tieren und allem Leben, das sie umgab. Das Leben war so unendlich reichhaltig und um all diese Schönheit und Üppigkeit aufnehmen zu können, mussten die Menschen still werden. Sie versanken in sich und verschmolzen mit dem Moment des stillen staunenden Erlebens. Nur in dieser Stille war es möglich, sich mit dem Leben zu unterhalten. Und das Leben unterhielt sich mit den Menschen – einmal in Form eines Bären, später in Form eines alten Baumes, eines frisch geschlüpften Vögelchens, als Libelle, Stein oder Bach oder in Form der braunen, feuchten und duftenden Erde, auf der sie immerzu saßen, lagen oder wandelten. Die Ausdrucksformen des Lebens schienen endlos, so dass sich die Menschen in ihren Gesprächsrunden viel zu berichten hatten. Es wurde gestaunt, gelacht, bestätigt und manchmal geschwiegen, denn es gab Fragen, die niemand beantworten konnte. Jene Momente waren selten und von großer Bedeutung, denn mit gewissen Fragen wuchsen die weisen Menschen über sich und das geformte Leben hinaus. Sie wurden groß und immer größer, schienen die ganze Welt zu umfassen und landeten schließlich in einem Nichts, lösten sich darin auf, alles ließ sie los. Sie waren selbst alles. Einen Herzschlag später saßen sie wieder in ihrer vertrauten Runde und in jedem hallte das weite Nichts, die große Leere wider. Eine Antwort auf ihre Frage hatten sie nicht, aber sie hatten den Raum aller Fragen und Antworten betreten, einen Ort, in dem eine Frage zugleich die Antwort war. So wussten sie, dass jede lebendige Frage ihre Antwort bereits in sich trug und diese sich zu ihrer ganz eigenen Zeit offenbaren würde. Die weisen Menschen wussten so viel über das Leben, seine Gesetze und fortdauernden Verbindungen, denn sie hielten Wissen nicht fest. Jegliches Wissen ließ sie bereits wieder los, noch während es sie erfasste. Wenn es eines gab, dass die weisen Menschen zu jener frühen, frühen Zeit auf Erden wahrhaftig gemeistert hatten, dann war es die Erkenntnis, dass das Wissen über das Leben so lebendig ist, wie das Leben selbst. Es kann nur von jedem einzelnen Selbst zu seiner eigenen Zeit entdeckt, erfahren und verstanden werden. In dem vollständigen Erfassen geschieht das Loslassen. Loslassen folgt immer auf eine vollkommene Erkenntnis – eine Erfahrung, die aus dem Blickwinkel aller erlebt, gefühlt und verstanden wurde.  Für die weisen Menschen in ihren weißen Gewändern reichte ein Augenblick der Entscheidung und sie verkörperten alles Wissen, alle Erfahrungen und Empfindungen einer Lebensform, bis der Augenblick vorüber war. Hätten wir die weisen Menschen gefragt, was Loslassen bedeutet, hätten sie uns keine Antwort geben können, denn wie sollten sie etwas erklären, dass sie selbst waren.

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